ein Gastartikel von Dirk Basquiat

Ich war dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse zugegen. Am Mittwoch, den 14.3. nahm ich zu erst an der Pressekonferenz teil. Auf dem Podium saßen Martin Buhl-Wagner (Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe), Michael Faber (Bürgermeister und Beigeordneter für Kultur in Leipzig), Prof. Dr. Gottfried Honnefelder (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.) und Oliver Zille (Direktor der Leipziger Buchmesse). Moderiert wurde die Runde von der Pressesprecherin Nancy Pfaff. Die knappe Stunde habe ich als eine Mischung aus Selbstmitleid und Eigenlob empfunden. Hier und da betonte man gestiegene Absatzzahlen oder beklagte gesunkene auf der anderen Seite. Digitale Medien wurden vorsichtig als Ergänzung betrachtet, aber nicht als Ersatz. Auch zum Thema Urheberrecht gab man sich eher trocken und beharrte auf dem Status Quo.

Ein ganz anderes Bild ergab sich mir während der vier Messetage. Das Publikum war begeistert. Viele Lesungen und Vorträge waren immer gut besucht. Die Menschen haben Spaß an Kultur und sind inspiriert. Sie möchten spannende Geschichten lesen bzw. hören. Aber während der Messe habe ich das eBook eher als verhalten präsentiert empfunden. Natürlich hatten Dienste wie Books on Demand einen Stand. Bei den Ausstellern direkt hatte ich jedoch nicht unbedingt das Gefühl, man würde neue kreative Wege mit digitalen Medienformaten gehen.

Am Sonntag sprach ich mit Wolfgang Tischer, welcher seit ca. 16 Jahren literaturcafe.de betreibt. Er selbst ist gelernter Buchhändler und bot mir einen interessanten Einblick in die Branche. „Genauso wenig wie man ein einzelnes Blog mit ,die Netzgemeinde‘ titulieren kann, so wenig kann man einen einzelnen Verlag mit dem Börsenverein gleichsetzen“, so Tischer. Seiner Meinung nach gibt es sehr wohl Überlegungen, welche neuen Formate man ausprobieren könnte. Viele Verlage haben durchaus verstanden, dass sie sich verändern müssen. So ist es mittlerweile möglich, dass man auch als Blogger von einem Verlag entdeckt wird und einen Vertrag angeboten bekommt, was vor 10 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Wolfgang sagt klipp und klar „Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, wollen mit den Texten Geld verdienen und diese nicht einfach wild streuen.“ Aber er betont auch „Autoren sollen dementsprechend honoriert werden, wenn sie einen sehr guten Text schreiben und dieser sich gut verkauft.“

Raum zum Experiment bieten z.B. Kurzgeschichten. Sehr oft bestehen Verlage immer noch auf der Meinung „die Leser wollen große Romane, in die sie sich vertiefen können. Kurzgeschichten das interessiert doch niemanden.“ Wenn aber mobile Geräte wie Smartphones und Tablets immer mehr Verbreitung finden, so könnte sich hier sehr wohl ein neues Leseverhalten in Bus und Bahn entwickeln. Wolfgang erzählt mir, dass unter anderen der Verlag Bastei Lübbe erste Versuche in diese Richtung über Apps geht und sich ausprobiert. Für mich spannend das zu hören, trotzdem schade, dass ich das Gefühl habe, solche Gedanken gehen etwas im allgemeinen Messerauschen unter. An den Ständen sieht man dann eben doch das gute alte Buch auf Papier. Hier erwarte ich in Zukunft, dass die Verlage dementsprechend erkennbar digitale Lesegeräte am Stand zur Verfügung stellen und sich nicht genieren diese auch prominent, gleichberechtigt neben dem klassischen Buch zu präsentieren. Denn selbst die erwähnte, sogenannte „Ergänzung“ aus der Pressekonferenz stand jetzt nicht wirklich ansatzweise im Fokus der Messe.

Trotzdem gibt es keinerlei Grund zum Kulturpessimismus. Natürlich verändern sich ganze Branchenzweige, welche schon über 100 Jahre existieren nicht von heute auf morgen. Aber den Verlagen zu unterstellen, sie hätten die letzten 10 Jahre gar nichts gelernt, ist auch falsch. Sie machen ihre Schritte, bedächtig aber sie machen sie. Diese Schritte mögen aus einer schnelllebigen Netzperspektive zu langsam vorkommen, ich begrüße aber den leisen, aber durchaus vorhandenen Mut zur Veränderung.

Den kompletten Podcast mit Wolfgang Tischer findet Ihr hier:
#lbm12 Wolfgang Tischer by @DirkBasquiat