ein Gastbeitrag von Andreas Popp

»Sie würden kein Auto klauen.« Mit diesen Worten beginnt einer der wohl bekanntesten Werbespots der Filmindustrie. Er kommt zu dem Schluss: »Illegal Filme herunterzuladen ist Diebstahl.« Die Industrie wird nicht müde allen Menschen, die sich Inhalte – seien es Musik, Filme, Bücher oder Software – aus dem Netz herunterladen, den »Diebstahl geistigen Eigentums« vorzuwerfen. Dabei ist es genau der eingangs erwähnte Werbespot, der diese Behauptung als polemische Kampf-Rhetorik enttarnt. Ja, ich würde kein Auto klauen. Aber ich würde eines kopieren, wenn ich könnte.

Zwischen Diebstahl und Kopie gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wenn mir jemand etwas stiehlt, dann hab ich es danach nicht mehr. Wenn jemand etwas von mir kopiert, dann habe ich es danach immer noch. Die Lobby der Plattenfirmen, Film-Studios, Buchverlage und anderer Rechteverwerter versucht uns dennoch seit Ewigkeiten weiß zu machen, Kopieren und Stehlen wäre dasselbe. Man denke nur an den Begriff der »Raubkopie«, der schon gleich doppelt falsch ist, immerhin muss man zum Rauben Gewalt anwenden.

Dabei genießen sie Rückendeckung vieler Juristen und Politiker, mit denen sie gemeinsam schon seit ein paar Generationen einen ähnlich falschen Begriff prägen, das sogenannte »geistige Eigentum«. Dieses soll Urheberrechte, aber auch Patente, Marken und Ähnliches mit dem Sacheigentum gleichstellen. Und dennoch scheinen Millionen von Menschen, die zum Großteil sicher nie auf die Idee kämen einen Ladendiebstahl zu begehen, kein schlechtes Gewissen dabei zu haben, sich Inhalte aus dem Netz zu laden. Haben diese Menschen alle einfach nur doppelte Standards? Oder sollte man viel lieber hinterfragen, ob etwas das man nicht stehlen kann, überhaupt jemandes Eigentum sein kann?

Wieso haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt ein Eigentum? Ein häufig gehörter Vergleich ist: »Genauso wie der Bäcker Eigentümer der Brötchen ist, die er gebacken hat, ist der Urheber Eigentümer des Werkes, das er geschaffen hat.« Doch kommt das Eigentumsrecht des Bäckers wirklich vom Backen? Was wäre wenn das Mehl, aus dem die Brötchen sind, jemand anderem gehört? Würde der dann nicht drauf bestehen, dass die Brötchen auch ihm gehören? Es ist also vielmehr so, dass der Bäcker Eigentümer der Brötchen ist, weil er Eigentümer des Mehls war. Dieses hat er vom Bauern erworben, der den Weizen angebaut hat. Dieser war wiederum Eigentümer des Weizens, weil er Eigentümer des Bodens war auf dem dieser gewachsen ist.

Und woher kommt das Eigentum am Boden? Spätestens hier kann niemand mehr behaupten, er hätte den Boden geschaffen. Und dennoch vergeben wir Eigentum daran. Der Grund dafür ist einfach: Würden wir das nicht tun, würde jeder damit machen, was er will und man hätte einen ständigen Konflikt. Wenn ich auf einem Stück Land ein Haus bauen will, aber ein anderer lieber Weizen darauf anbaut, dann widerspricht sich das. Also muss sich die Gesellschaft darauf einigen, wer über das Land entscheidet, sprich, wer dessen Eigentümer ist.

Und hier kommen wir wieder zurück zum eingangs erwähnten Beispiel des Autos. Wenn ich das Auto stehle und damit wegfahre, dann steht der Eigentümer dumm da, wenn er damit in die Arbeit fahren möchte. Wenn ich das Auto aber kopieren würde, dann könnten wir beide dort hinfahren, wo wir wollen. Aus diesem Grund hätte ich kein Problem damit, ein Auto zu kopieren. Genau dasselbe gilt für Inhalte, die in der Realität heutzutage beliebig kopierbar sind. Und deswegen kann man nicht einfach kreative Inhalte mit Sacheigentum gleichsetzen.

Es wird Zeit, die Debatte zu versachlichen. Und dazu zählt sich klarzumachen: Wissen und Kultur haben keinen Eigentümer. Sie haben einen Urheber, der eine wichtige und entscheidende Arbeit leistet, aber eben nicht über das Werk verfügen kann, wie ein Eigentümer über sein Auto. Man darf dabei dennoch nicht den Fehler machen, die kreative Arbeit des Urhebers auszublenden. Nur weil es kein »geistiges Eigentum« gibt, ist das noch lange kein Grund das Urheberrecht komplett abzuschaffen.

Denn auch wenn es kein gottgegebenes »geistiges Eigentum« gibt, so ist es dennoch sinnvoll das kreative Schaffen der Urheber zu fördern. Es ist das ureigene Interesse der ganzen Gesellschaft, dass gute Künstler und Wissenschaftler ihre Zeit und Arbeit in neue Werke stecken. Denn ohne diese Arbeit wird unsere wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung massiv ausgebremst. Deswegen ist es nur recht und billig, ein Urheberrecht zu etablieren.

Alle Aspekte dieses Urheberrechts müssen sich aber der gesellschaftlichen Diskussion stellen. Es gibt viele Ansätze für ein modernes Urheberrecht und alle haben ihre Vor- und Nachteile. Aber wir müssen aufhören, das Urheberrecht als ein in Stein gemeißeltes »geistiges Eigentum« zu betrachten. Damit werden nur drakonische Gesetze wie SOPA, PIPA, ACTA und Co. gerechtfertigt, die eine massive Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten zufolge haben. Und das ist ganz sicher nicht im Interesse der Gesellschaft.

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