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Vergessene Lehramtsstudierende sollen Fehler der Politik ausbaden

Auf dem Bild sieht man eine Schulklasse und ein Coronavirus

Ein Gastbeitrag von Leander Baumgertel

Woran ist zu erkennen, dass 2021 ein Superwahljahr ist? Daran, dass jeden Tag unzählige Politiker·innen ihre Ideen zur schnellen Änderung von Missständen jedem Kanal mitteilen, der es zulässt. So auch Annalena Baerbock (Bundesvorsitzende der Grünen), heute Morgen in einem Interview des DLF. Ihrer Meinung nach sollen Lehramtsstudierende in den Osterferien den Schüler·innen helfen, den entgangenen Schulstoff aufzuarbeiten, und so die Lehrer·innen entlasten. Nun bin ich selbst einer der gemeinten Lehramtsstudierenden und mir stößt diese Idee mächtig auf. Frau Baerbock versucht in meinen Augen, durch diese Idee nur eines zu betreiben: Wahlkampf.

Die Osterferien fallen dieses Jahr mit dem Beginn des Sommersemesters zusammen. In diesem Zeitraum haben Studierende alle Hände voll zu tun: Stundenpläne zusammenstellen, sich um die Modulprüfungen kümmern und Seminare besuchen. Somit würde Frau Baerbocks Vorschlag also mächtig Sand ins Getriebe der Studierenden schleudern.

Zum Zweiten sollte bedacht werden, dass Frau Baerbock fordert, unbezahlte Studierende jene Arbeit machen zu lassen, die seit Jahrzehnten die verantwortlichen Politiker·innen in den Ländern verschlafen: den Lehrer·innenmangel ausgleichen und sinnvolle digitale Unterrichtsmodelle erarbeiten. Wie kommt sie darauf, dass wir kostenlose Abhilfe für Lehrer·innen bieten, die mit einem A13 Gehalt um Welten besser bezahlt werden, als alle Studierenden, die sich jedes Semester ums BAföG kümmern, wenn denn überhaupt noch welches kommt?

Hinzu kommt, dass ein Lehramtsstudium nicht nur aus Mensen und WG-Partys besteht, sondern vorrangig aus einer ganzen Menge Stress. In den Zeiträumen zwischen den Semestern wollen Klausuren, Seminararbeiten und Exposés geschrieben werden und häufig fallen auch noch Praktika in den Schulen an, welche in der Regel einen gesamten Monat in Anspruch nehmen. Dabei wird aber nicht hinten auf der Schulbank geschlafen, sondern das Unterrichten geübt, eine Angelegenheit, die im gesamten Studium nur sehr unzureichend Beachtung findet, was wiederum auf die z.T. fragwürdigen Bedingungen im Lehramtsstudium zurückzuführen ist.

Diese ohnehin schon stressige Zeit wird noch verschlimmert durch die mittlerweile drei Semester, in denen die Studierenden zuhause sitzen und die Arbeitslast noch erhöht wird, weil digitales Lernen mehr Zeit in Anspruch nimmt und das Gelernte schwerer zu behalten ist. Ich persönlich habe eine kleine Tochter, die jeden Tag die Welt neu entdeckt und viel Aufmerksamkeit einfordert. Das hat zur Folge, dass meine Arbeiten, die ich aktuell schreiben muss, nur sehr schleppend voran gehen und ich mir jeden Tag Gedanken um die Fristen mache.

Und damit wären wir bei meinem letzten großen Kritikpunkt von Baerbocks Forderung: Nach drei Semestern, in welchen Studierende enorm von der Politik vernachlässigt wurden, kommt sie auf die Idee, einfach noch etwas von uns zu verlangen, ohne auch nur im Geringsten zu überlegen, ob das überhaupt mit unserer Situation zu vereinbaren ist! Wir rackern uns durch unzählige Online-Veranstaltungen, um wenigstens halbwegs das Uni-Niveau zu halten, viele sind aus Geldnot wieder bei ihren Eltern eingezogen. Die versprochenen Hilfen für Studierende gibt es nicht mehr, viele Bekannte und Freund·innen haben mir zum Teil hanebüchene Geschichten über die absurden Anforderungen der Hilfszahlungen erzählt.

Menschen, denen aufgrund der enormen Hürden keine Hilfen zugestanden werden und gleichzeitig nicht mehr die schlecht bezahlten Studierendenjobs machen können, haben es nicht verdient, noch als billiger Ersatz für etwas gehandelt zu werden, dass die Politik selbst seit Jahren schändlich vernachlässigt und was unserer Gesellschaft das höchste Gut sein sollte: Die Bildung zukünftiger Generationen.

Ich verstehe, dass Frau Baerbock im Wahlkampf viel erreichen will. Ich verstehe, dass solche Forderungen gestellt werden, um politische Gegner·innen im Wahlkampf unter Druck zu setzen. Was ich jedoch nicht verstehe ist, wie aus der Partei der Grünen, aus der immer für eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und Würde geworben wird, eine Forderung gestellt werden kann, die die Interessen der betroffenen Menschen überhaupt nicht im Blick hat und auch keine Lösung für ein tiefer liegendes Problem darstellt. Den Schüler·innen wäre viel mehr damit geholfen, wenn endlich Konzepte erarbeitet würden, die den seit Jahren problematischen Lehrer·innenmangel beheben. Konzepte, die die Digitalisierung als ein Hilfreiches, aber keineswegs notwendiges Werkzeug im Schulalltag eingliedert. Konzepte, die Schüler·innen nicht allein mit der Bewältigung der Corona-Pandemie lassen, die aber auch keine Studierenden als Stützpfeiler benötigen. Solange solche Konzepte nicht erarbeitet werden, sind die Forderungen von Frau Baerbock unrealistisch und unfair gegenüber jungen Menschen, die keinerlei Unterstützung vom Staat bekommen, jedoch im Zweifel für dessen Versagen herhalten dürfen müssen.

Leander Baumgertel

Hochschulpirat
Höheres Lehramt für Gymnasien Deutsch/Geschichte